Ein Artikel über die Gefahren des Kreiselfahrens als Velofahrerin – und plötzlich geht es um den Helm

18.12.25
Heute wurde in der Südostschweiz ein Artikel über die Gefahren in der Kreisel-Hauptstadt Chur veröffentlicht. Unsere Projektleiterin Kerstin wurde vom Autor zu einer Begehung eingeladen – und zur Hauptfigur des Artikels, inkl. Foto mit Velo und roter Mütze.

Wenig später: Mails und Meldungen. „Fragwürdig,“ sogar „fast sträflich“ sei es, dass sich eine Mitarbeiterin von Pro Velo ohne Helm abbilden lässt! Aber ging es im Artikel nicht um das Fehlverhalten von Motorfarzeugfahrenden? Wir nehmen diese absurde Wendung zum Anlass, das Helm-Thema im Zusammenhang mit dem Artikel einzuordnen.

  • Ganz klar: Ein Helm kann bei Unfällen eine entscheidende Lebensversicherung sein – dies vor allem bei Selbst-Unfällen oder sportlichem Velofahren. In unseren Velokursen für Kinder und Jugendliche, sowie Familien-Umzügen nehmen wir unsere Vorbildrolle sehr ernst, tragen immer einen Helm und vermitteln allen die korrekte Anwendung.
  • In dem vorliegenden Artikel geht es um Kreisel. Die Leserschaft von Printmedien besteht nahezu ausschliesslich aus Erwachsenen, viele davon Autofahrende – diese sollten unserer Meinung nach (auch mit dem Bild) sensibilisiert werden, das Velofahrende vulnerable Verkehrsteilnehmende sind, die es gleichberechtig zu achten gilt.
  • Die Hauptursache schwerer Velo-Kollisionen (wie sie laut Statistik eindrücklich oft in Kreiseln vorkommt) liegt in der Regel jedoch nicht beim Verhalten der Velofahrenden, sondern bei Lenker:innen des motorisierten Verkehrs sowie den Verkehrsplanern des letzten Jahrtausends. Vor diesem Hintergrund stellt sich für uns die Frage, weshalb Velofahrende zusätzlich Verantwortung für das Fehlverhalten anderer übernehmen sollen.
  • Es gilt keine gesetzliche Helmflicht und darum verfehlt diese Diskussion im Zusammenhang mit einem Artikel zum Kreiselfahren ihr Ziel. Der Ruf nach Velohelmen ist in diesem Zusammenhang irreführend. Erfahrungen zeigen deutlich, dass eine Helmpflicht einen Rückgang der Anzahl Velofahrender bewirkt und das kann auch nicht im Interesse der Autofahrenden sein (sie würden sonst ja noch länger im Stau stehen).
  • Die Frage „Helm oder nicht Helm?“ darf nicht darüber hinwegtäuschen: Primär müssen sich nicht die Velofahrenden anpassen, sondern Motorfahrzeuglenkende – sowie die Entscheidungsträger:innen in Tiefbau und Verkehrsplanung, die die Strassen konsequent aufs Auto ausgelegt haben, statt das Velo gleichwertig zu berücksichtigen (so wie es die kantonale Strategie Langsamverkehr vorsieht). Zu oft hört man: „Kein Helm – tja, selber schuld.“ Das wäre die Perversion des Inhaltes, die der Artikel zu vermitteln versucht.
  • Wir haben daher eine klare Haltung: Velofahren ohne Helm ist im Alltagsverkehr kein Fehlverhalten und nicht verantwortungslos! Es gibt sogar Warnungen vor sogenannter Risikokompensation: Wer einen Helm trägt, fährt nachweislich weniger vorsichtig Velo. Der Helm verhindert keinen einzigen Unfall und schützt nicht mal den ganzen Kopf, geschweige denn das Genick oder andere lebenswichtige Organe.
  • Aus diesen Gründen setzt sich Pro Velo für separate Velowege, mehr und velogerechte Tempo-30-Zonen sowie die gezielte Sicherung der Kreisel und Hauptstrassen ein. Diese Massnahmen schützen alle Verkehrsteilnehmenden nachhaltig – unabhängig davon, ob ein Helm getragen wird oder nicht.

Weite Infos bei unserem Dachverband Pro Velo Schweiz:

Positionspapier Velohelm (PDF)

Factbook Velohelm (PDF)

Vortrag Nutzen von Velohelmen (2002, PDF)