Veloforum Schweiz: Was es für die Velowende braucht

Lebhafte Debatten, eindrückliche Beispiele aus Paris und ein klares Fazit: Die Schweiz hat beim Velo noch viel Potenzial. Am Veloforum Schweiz in Bern diskutierten rund 240 Fachleute aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport darüber, wie wir diesem Potenzial näherkommen. Auch für Graubünden stellt sich die Frage: Wie schaffen wir die Voraussetzungen, damit mehr Menschen gerne und sicher Velo fahren?

Die Velowende braucht politischen Willen

An der vierten Austragung des nationalen Veloforums war auch Bundesrat Albert Rösti physisch präsent. In seiner Rede bezeichnete er das Velo als «Riesenvorteil im Nahverkehr» und als effizientestes Verkehrsmittel auf kurzen und mittleren Distanzen. Rösti zeigte sich überzeugt, dass die Schweiz bei der Umsetzung des Veloweggesetzes gut unterwegs sei. Gleichzeitig wurde an den Diskussionen deutlich, dass zwischen politischen Zielen und deren Umsetzung noch ein weiter Weg liegt.

In der «Velofantenrunde» diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aller grossen Parteien über die Veloförderung. Während sich die meisten grundsätzlich zu den Zielen bekannten, gingen die Meinungen bei den konkreten Massnahmen auseinander. Mehr Verantwortung für den Bund, steuerliche Anreize oder bessere Rahmenbedingungen: Die Wege zur Velowende werden unterschiedlich beurteilt.

Paris zeigt: Es geht, wenn man will

Besonders eindrücklich war der Blick nach Paris. Christophe Najdovski, bis 2026 Vize-Bürgermeister der französischen Hauptstadt, zeigte auf, wie stark sich eine Stadt verändern kann, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Im Zentrum der Pariser Verkehrspolitik stand die Umgestaltung des öffentlichen Raums. Eine 3,3 Kilometer lange Schnellstrasse am rechten Seine-Ufer, die täglich von über 40’000 Autos befahren wurde, wurde kurzerhand zur Fussgängerzone. Damit erhielten Menschen zu Fuss, auf dem Velo und im öffentlichen Verkehr mehr Platz. Zwischen 2016 und 2020 nahm die Nutzung der Pariser Radwege um 166 Prozent zu. Bis 2025 stieg sie nochmals um 47 Prozent. «Es funktioniert, wenn man es will», lautete die Botschaft von Najdovski.

Auch Michael Liebi, Präsident der Velokonferenz Schweiz, warnte davor, die Schweizer Verhältnisse als Ausrede zu verwenden. Die Velowende sei nicht nur in Paris möglich, sondern auch in den Niederlanden, Dänemark oder Freiburg im Breisgau gelungen.

Die zentrale Erkenntnis: Wenn wir das Velo als Nische planen, erhalten wir Nischenlösungen. Denken wir das Velo gross, entstehen bessere Städte und Gemeinden.

Das gilt auch für Graubünden. Ob in Chur, in den Regionen oder auf dem Land: Sichere und durchgängige Veloverbindungen sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass mehr Menschen das Velo im Alltag nutzen.

Sicherheit muss oberste Priorität haben

Wie dringend Verbesserungen nötig sind, zeigen die Unfallzahlen. 2025 wurden in der Schweiz 1257 Velo- und E-Bike-Fahrende schwer verletzt, 44 Menschen kamen ums Leben. Bei den E-Bikes ist die Tendenz steigend. Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, präsentierte diese Zahlen am Veloforum. In der anschliessenden Diskussion ging es um die Frage, wie die Sicherheit im Veloverkehr verbessert werden kann.

Ein zentraler Ansatz ist das sogenannte Safe-System. Die Idee dahinter: Das Verkehrssystem muss so gestaltet sein, dass Menschen auch dann nicht schwer zu Schaden kommen, wenn ihnen ein Fehler unterläuft.

Ursula Wyss, ehemalige Verkehrsdirektorin der Stadt Bern, brachte es auf den Punkt: Ungeschützte Verkehrsteilnehmende müssen bei höheren Geschwindigkeiten vom motorisierten Verkehr getrennt werden.

Die Lösungsansätze sind vielfältig – von besserer Ausbildung über technologische Fortschritte bis hin zu sicherer Infrastruktur, Geschwindigkeitsbegrenzungen und ausreichendem Abstand beim Überholen.

Für Pro Velo Graubünden steht fest: Sicherheit darf kein Zufall sein. Wer Velo fährt, soll sich auf eine Infrastruktur verlassen können, die Fehler verzeiht und Menschen schützt.

Veloförderung muss inklusiv sein

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt des Forums war die Inklusion. Heidi Hanselmann von der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und die zweifache Paralympics-Goldmedaillengewinnerin Manuela Schär zeigten auf, wo Menschen mit Querschnittlähmung auf Velowegen noch immer an Grenzen stossen.

Schär berichtete von Hindernissen auf Velowegen, die mit ihrem Handbike kaum oder gar nicht zu bewältigen seien. Hanselmann machte deutlich, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen bei der Planung noch zu oft vergessen werden.

Inklusion müsse selbstverständlich mitgedacht werden – nicht erst, wenn Probleme auftreten.

Auch für Pro Velo Graubünden ist klar: Eine velofreundliche Infrastruktur muss für möglichst viele Menschen funktionieren. Dazu gehören nicht nur klassische Fahrräder, sondern auch Handbikes, Spezialvelos, Kinderanhänger und weitere Formen der individuellen Mobilität.

Was bringt Menschen aufs Velo?

In verschiedenen Workshops wurde darüber diskutiert, was Menschen überhaupt dazu bringt, Velo zu fahren. Die Antworten sind vielfältig: sichere Wege, gute Rahmenbedingungen, finanzielle Anreize, Firmenvelos und attraktive Angebote.

Gerade die Kombination aus Infrastruktur und Veloförderung ist entscheidend. Es reicht nicht, Menschen zum Velofahren zu motivieren, wenn sie sich auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder zum Bahnhof unsicher fühlen.

Hier setzt auch die Arbeit von Pro Velo Graubünden an. Mit Velokursen, Veranstaltungen und politischem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass das Velo im Alltag selbstverständlich wird.

Die Richtung stimmt – jetzt braucht es Tempo

Das Veloforum Schweiz hat gezeigt, dass das Velo in der Schweizer Politik und Gesellschaft angekommen ist. Die Diskussionen waren engagiert, die Beispiele aus dem Ausland eindrücklich und die Ziele ambitioniert.

Doch von der angestrebten Verdoppelung der Velokilometer bis 2035 ist die Schweiz noch ein gutes Stück entfernt. Damit die Velowende gelingt, braucht es deshalb weiterhin politischen Druck, konsequente Planung und konkrete Verbesserungen vor Ort.

Fast 74 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten haben zum Velo Ja gesagt. Dieses klare Signal verpflichtet dazu, die Veloinfrastruktur landesweit deutlich zu verbessern – so, wie es das Veloweggesetz vorsieht.

Pro Velo Graubünden setzt sich dafür ein, dass diese Entwicklung auch in Graubünden ankommt. Für sichere Velowege, attraktive Verbindungen und eine Velokultur, die allen offensteht.

Unser Fazit: Die Velowende gelingt nicht von allein. Aber sie gelingt, wenn wir sie gemeinsam wollen und umsetzen.